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Neurochirurgie

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Die Neurochirurgie (zu altgriechisch νεῦρον neũron „Nerv“) ist ein aus der Chirurgie und der Neurologie hervorgegangenes Fach und beschäftigt sich mit der Erkennung und mit der operativen Behandlung von Erkrankungen, Fehlbildungen und (Folgen von) Verletzungen und anderen Schädigungen des zentralen und peripheren Nervensystems. Hierzu gehören auch entsprechende Voruntersuchungen, konservative Behandlungsverfahren und die Rehabilitation.

Historische Darstellung: Hebung einer Schädelimpressionsfraktur. Holzschnitt aus Hans von Gersdorffs Feldbuch der Wundarzney (1517)

Geschichte der Neurochirurgie

Erste neurochirurgische Operationen in Form von (erfolgreichen, d. h. wieder ausgeheilten) Schädeleröffnungen (Kraniotomien bzw. Schädeltrepanationen) wurden schon für die Jungsteinzeit anhand von Skelettfunden bewiesen. Erstmals exakt dokumentiert wurden neurochirurgische Operationsverfahren in dem Werk Chirurgiae libri septem, das Giovanni Andrea della Croce (1514–1575) verfasste und 1573 in Venedig erschienen ist. Als früher Verfasser neurochirurgischer Schriften gilt auch Andrés Alcázar (* um 1490), der 1575 De vulneribus capitis, eine Abhandlung über Kopfverletzungen publizierte. Grundlegend für die spätere Neurochirurgie war auch Vesals eingehenden Beschreibung des Ventrikelsystems des menschlichen Gehirns. Die moderne Neurochirurgie konnte sich erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickeln, als unter anderem Asepsis, verbesserte Blutstillungsmethoden und Anästhesieverfahren eingeführt wurden. Um die Hirnchirugie (Operationen am Gehirn) erwarb sich von 1896 bis 1899 Rudolf Ulrich Krönlein besondere Verdienste mit seinen Untersuchungen über Schusswirkungen auf Schädel und Gehirn. Eingriff am Gehirn erfolgten zunächst mit Inhalationsanästhetika und Morphin. Bis sich die Intubationsnarkose durchgesetzt hatte, wurde zur Vermeidung der Narkosenebenwirkungen (Hirndrucksteigerung, Atem- und Kreislaufdepression) – etwa von Lothar Heidenhain (1901) und Thierry de Martel (1926) – zunehmend Eingriffe in örtlichen Betäubung (mit Lokalanästhestika wie Kokain) angewandt worden. Anfang des 20. Jahrhunderts „stellte die Hirnchirurgie in Deutschland kein eigenständiges Fach dar“ auch wenn viele namhafte Chirurgen wie Ferdinand Sauerbruch und Nicolai Guleke sich bereits an Schädeleingriffe gewagt hatten; „in den USA war die Spezialisierung viel weiter fortgeschritten“.

Der amerikanische Chirurg Harvey Cushing (1869–1939) war einer der ersten und bedeutendsten Neurochirurgen und entwickelte viele neue Techniken der Neurochirurgie während seiner Tätigkeit in Baltimore und Boston. Er förderte ab etwa 1905 die Hirnchirurgie und konnte die Mortalität hirnchirurgischer Eingriffe bis 1931 nach mehreren Misserfolgen und für die Patienten tödlich endenden Versuchen von 90 % auf 7 % senken. Er entwickelte die Neurochirurgie systematisch fort und gilt als Begründer der modernen Neurochirurgie. Auf ihn gehen auch zahlreiche noch heute verwendete spezielle chirurgische Instrumente zurück. Weitere Pioniere der modernen Hirn- und Rückenmarkschirurgie waren der Amerikaner Walter Edward Dandy und der Schwede Herbert Olivecrona. In Deutschland verhalf der Chirurg Wilhelm Tönnis dem Fach Neurochirurgie zur Selbständigkeit. Er war Assistent von Fritz König und von diesem zur Weiterbildung zu Olivecrona geschickt worden. Für Tönnis richtete König in Würzburg dann 1936 eine eigenständige neurochirurgische Abteilung ein. Das von Tönnis 1936 begründete Zentralblatt für Neurochirurgie war bis 1943 die einzige Fachzeitschrift für Neurochirurgie. Bis in die 1960er Jahre wurden durch Unfälle bedingte Hirnblutungen wie Subduralhämatome meist von Allgemeinchirurgen mittel Trepanation versorgt. In den 1970er Jahren wurde die Neurochirurgie in ganz Deutschland ein eigenes Fachgebiet.

Neurochirurgie in einzelnen Ländern

Deutschland

Um nach einem Medizinstudium in Deutschland als Facharzt für Neurochirurgie tätig zu werden, bedarf es einer sechsjährigen Weiterbildungszeit. Für den genauen Modus der Facharztweiterbildung ist die jeweilige Landesärztekammer zuständig. Die Weiterbildung umfasst mindestens vier Jahre im Krankenhaus, angerechnet werden können:

oder

Ein halbes Jahr muss in der neurochirurgischen Intensivmedizin absolviert werden.

Am 31. Dezember 2006 waren in Deutschland 1.561 Neurochirurgen registriert, davon übten 348 eine Tätigkeit im niedergelassenen Sektor aus. 182 übten keine ärztliche Tätigkeit aus. Der Anteil an Frauen unter den berufstätigen Neurochirurgen betrug im Jahr 2006 13 %.

Die Preise für eine Praxisgründung sind mit einem Grundkapital von schätzungsweise 110.000 € bis 150.000 € zuzüglich Gerätepark, Anschaffungskosten 250.000 € bis 1.250.000 €, hoch.

Schweiz

Um in der Schweiz Neurochirurg zu werden, muss eine sechsjährige, in zwei Etappen geteilte Weiterbildung absolviert werden.

  • 1 Jahr in einem nicht-neurochirurgischen Fach („Fremdjahr“): Allgemeine Chirurgie oder chirurgische Sub-Spezialität (mit Ausnahme der Neurochirurgie) mit Teilnahme am allgemein-chirurgischen Notfalldienst, Orthopädie, Kieferchirurgie, HNO, Neurologie, Neuroradiologie, Neuroanatomie, Neuropathologie, klinische oder experimentelle Neurophysiologie, experimentelle Chirurgie.
  • 5 Jahre Neurochirurgie, wobei der Ausbildungsort mindestens einmal für ein Jahr gewechselt werden muss.

Im Jahr 2006 waren in der Schweiz 99 Neurochirurgen registriert, davon 51 Ärzte mit Praxistätigkeit.

USA

Um in den Vereinigten Staaten als neurosurgeon tätig zu werden, bedarf es einer siebenjährigen Assistenzzeit (residency).

  • 1 Jahr Praktikum (internship) in Allgemeinchirurgie und auf anderen chirurgischen Abteilungen rotierend
  • 6 Jahre Neurochirurgie

Kanada

Um in Kanada neurosurgeon zu werden, muss eine sechsjährige, in zwei Etappen geteilte Weiterbildung absolviert werden.

  • 2 Jahre chirurgische Physiopathologie und chirurgische Grundlagen
  • 4 Jahre Neurochirurgie

Weitere bedeutende Neurochirurgen

Siehe auch

Literatur

  • Hans Arnold, Wolfgang Bock, Karl-August Bushe, Hartmut Collmann u. a. (Hrsg.): Neurochirurgie in Deutschland. Geschichte und Gegenwart. 50 Jahre Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie. Blackwell, Berlin/Wien u. a. 2001, ISBN 3-89412-482-2.
  • Paul C. Bucy (Hrsg.): Neurosurgical Giants: Feet of Clay and Iron. Elsevier Science, New York/Amsterdam/Oxford 1985, ISBN 0-444-00939-6.
  • Margret Liehn, Martin Brunken, Martin Weißflog, Anett Gudat: Neurochirurgie. In: Margret Liehn, Brigitte Lengersdorf, Lutz Steinmüller, Rüdiger Döhler: OP-Handbuch. Grundlagen, Instrumentarium, OP-Ablauf. 6., aktualisierte und erweiterte Auflage. Springer, Berlin/Heidelberg/New York 2016, ISBN 978-3-662-49280-2, S. 525–575.
  • Frank Marguth: Zur Entwicklung der Neurochirurgie. In: Christa Habrich, Frank Marguth, Jörn Henning Wolf (Hrsg.) unter Mitarbeit von Renate Wittern: Medizinische Diagnostik in Geschichte und Gegenwart. Festschrift für Heinz Goerke zum sechzigsten Geburtstag. München 1978 (= Neue Münchner Beiträge zur Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften: Medizinhistorische Reihe. Band 7/8), ISBN 3-87239-046-5, S. 367–376.
  • M. Massarotti: Le origini della neurochirurgia nei documenti preistorici e protostorici. In: Minerva neurochirurgica. Band 14, 1970, S. 56 ff., und Band 15, 1971, S. 29 ff.
  • Franz Schück: Diagnostik und Indikation in der Neurochirurgie mit therapeutischen Hinweisen. Walter de Gruyter & Co., Berlin 1934.
  • Wolfgang Seeger, Carl Ludwig Geletneky: Chirurgie des Nervensystems. In: Franz Xaver Sailer, Friedrich Wilhelm Gierhake (Hrsg.): Chirurgie historisch gesehen. Anfang – Entwicklung – Differenzierung. Dustri-Verlag, Deisenhofen bei München 1973, ISBN 3-87185-021-7, S. 229–262.

Weblinks


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